Persönliche Eindrücke bei einem Besuch in der gynäkologischen Abteilung
Peter A. Wolf. In: Stil. Goetheanistisches Bilden und Bauen. Michaeli 2001/2001. Heft 3.
Wer die Empfangshalle des St. Marienhospitals in
Lünen betritt, geht durch Türen mit breiten, fast
schwarzen Rahmen. Dunkel sind auch die mit Holz
quadratisch getäfelten tragenden Pfeiler. Die Decke
ist niedrig gehängt, man kann sich zwischen den
Pfeilern auf neutralen Sesselreihen "verstecken",
sieht offen verglaste Büroräume, einige Wände aus
Ziegeln in dunklem Ocker, der Fußboden grau, grob
gemustert. Alles ist pflegeleicht und offensichtlich
auf Dauer berechnet; aber alles macht den Eindruck
von Schwere und graugrüner Dunkelheit, trotz der
gläsernen Büros. Im selben Einerlei geht es im Treppenhaus
aufwärts, der Blick in die gleichförmigen
Gänge der verschiedenen Abteilungen ist gleichgültig
bis ermüdend.
Ganz überraschend aber ist der Eindruck im Flurbereich
der dritten Etage. Befreit kann man aufatmen,
es ist, als ob die Sonne scheint (obwohl es ein
trüber Tag ist), man scheint leichter zu gehen, wie
beschwingt. Die Wände sind in warmen, lichten
Gelb-Orange-Tönen lasiert, wie durchstrahlt. Auf einer
großen Wand des Aufzug-Schachtes ist die Farbe
noch lebendiger ins Rotorange gesteigert, die Farbe
selbst möchte zur Form werden, und sie wird es - in
einem Flachrelief, das das "Ent-Binden" in einer
einfachen, überzeugenden Geste zum Ausdruck bringt.
Es ist der neu gestaltete Eingang zur Geburtsklinik.
In hellen Tönen, mit Gelb und lindern Grün, geht es
in den Patientenzirnmern weiter. Auch für lichte passende
Vorhänge wurde gesorgt. Der Blick vom Bett
aus fällt auf eine lasierte Wand. Türrahmen und abgesetzte
Einfassungen wurden traditionell gestrichen.
Aber alles passt zusammen, und die lasierten großen
Flächen heben sich wohltuend heraus.
Der Architekt Ulrich Jasper und der Leiter der
gynäkologischen Abteilung Prof. Dr. Herbert Kraus
berichten von der zuerst kontroversen Diskussion bei
der Planung. Vorgeschlagene Komplementärfarben
wurden nicht akzeptiert, nur sehr zurückhaltende Absetzungen
ausgeführt (z.B. in einer sehr fein abgetönten,
ruhigen Besprechungsraum). Eine Wandfarbe
wurde als zu kraftvoll empfunden und musste geändert
werden. Schwierig schien zunächst auch der
wirtschaftliche Gesichtspunkt. Ginge es allein danach,
so wäre wohl schlicht mit Weiß gestrichen
worden. Die vielen jungen Mitarbeiterinnen der Klinik
aber fühlen sich inzwischen sehr wohl in den neu
gestalteten Räumen. Niemand analysiert das genau,
aber man schätzt die lichte Wirkung, findet alles sehr
schön, beruhigend. Vormalige Kritiker lassen sich
davon einnehmen und "erweichen" langsam. Irgendwelche
Vorurteile gegen Lasur "im Prinzip" gab es
nicht. Jetzt - nach zwei Monaten der Benutzung -
fühlt man sich einfach wohl in dieser Gestaltung, gerade
im Kontrast zu den verbliebenden Abteilungen
im "alten Stil". Man hofft darauf, nach angemessener
Bewährungsfrist vielleicht doch Ähnliches
in anderen Abteilungen zu wagen. Es war aber auch eine
persönliche Mutfrage für den Architekten und den
Chefarzt; gegen das nur Wirtschaftliche einmal etwas
"ganz Anderes" zu setzen, - im übrigen durchaus im
Kostenrahmen. Für die Beteiligten ist es auch ein gutes
Gefühl, eher "beneidet" zu werden um eine überzeugende,
ungewöhnliche und belebende Gestaltung.
Farbgestaltung der Geburtsklinik des St. Marienhospitals Lünen
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