Eine Villa, schön wie ein Gemälde
Liebigstraße 24 in Dresden
Bildzeitung August 1996
Von HANS JANCKE
Der Anruf kam an einem heißen Freitag im Juni. Ein Ortsgespräch. "Ich schwitzte gerade über einem Relief mit Tierkreiszeichen, bestellt von einem Astrologen", erinnert sich der Dortmunder Künstler Robert Kaller (37).
An der Strippe war Kaufmann Dr. Günter Klein (54): "70 000 Mark auf die Hand, wenn Sie sofort die Flure in meinem Dresdner Haus bemalen." Drei Tage später pinselte Kaller los.
Das Objekt der Begierde: Eine für fünf Millionen Mark original sanierte Jugendstilvilla in der Liebigstraße 24.Mit Partner Rainer Schröder (39) rührte Kaller reine Umweltfarben, mischte Eigelb, Bier, Leinöl und Bienenwachs dazu, lasierte die gelben Wände.
Vier Monate, täglich, 12 Stunden Fleißarbeit. Die 12 Mieter freut's: Können sie doch künftig gratis die Kunst im Bau bewundern. Wie Semperoper, Hofkirche, Goldener Reiter oder Brühlsche Terrasse. Kinderärztin Dr. Christina Zenkel (51) staunt: "Meine kleinen Patienten vergessen glatt ihre Wehwehchen." Oder Angela Reissig (33) aus dem 2. Stock: "Ästhetik 1ive vom Keller bis zum Glasdach!"
Gleich am Eingang geht's los. Da puzzelten Kaller & Co. ein Mosaik aus 15 000 bunten Fliesenscherben: Den Wasserlauf der Elbe, weiße Dampfer, am Ufer wiegt sich Schilf, dazwischen kullern echte Kieselsteine. Im Hintergrund spiegelt sich der Moritzburger Schloßteich.
Nach sechs Stufen steht man vorm Portal von Schloß Pillnitz. Die Bild-Wanderung endet erst im vierten Stock. Stationen sind u. a. Burg Hohenstein, die Sächsische Schweiz, dann kurze Rast in einer blühenden Blumenwiese. Meister Kaller ist sich sicher: "Die Motive bringen auch im Winter gute Laune rüber."


