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Entwicklung einer siebengliedrigen Säulenreihe

Begründung des Gestaltungsansatzes

"Ein fortschreitendes Motiv ist ein Motiv des Willens". In den unter dem Titel "Wege zu einem neuen Baustil" gesammelten Vorträgen, beschreibt Rudolf Steiner die Bedeutung der Raumesrichtungen mit dem geistigen Wesen des Menschen.

Die Willensphäre, die noch am unbewusstesten entwickelt ist, erleben wir im Fortschreiten der Säulen von Westen nach Osten. Die Säulen und Architrave müssen als "in Bewegung befindlich" erlebt werden.

Die Richtung der Gefühlsimpulse erleben wir, wenn wir aus dem Fortschreiten des Willens zum Erleben des Aufrechten in den Säulen übergehen. Hier gelangen wir zum Erleben der Gefühlsimpulse, oder wie Rudolf Steiner es ausdrückt, zum Empfinden der Kulturgemeinschaften, die wir alle in unterschiedlichen Erdenleben zu durchleben haben.

Zu dem Fortschreiten und sich Erheben kommt das "sich Abschließende" nach oben.

Das Abschließen nach "oben" entspricht der Gedankensphäre sowie das Fortschreiten der Willenssphäre und das Nach-Aufwärtsgehen der Gefühlssphäre entspricht.

"So soll der Bau ausdrücken - Wollen - Fühlen und Denken, aber in ihrer Evolution in dem was sie werden soll in der Menschenwesenheit, die nach einer gewissen Entwicklung ihrer selbst strebt." (Wege zu einem neuen Baustil).

Ebenfalls von enormer Bedeutung ist der Fortgang der Metamorphose selbst in ihrer Gesetzmäßigkeit.

In der Folge der Säulen gibt es einen Einschnitt in der fortlaufenden Entwicklung zwischen der vierten und der fünften Form. Rudolf Steiner nannte dies eine Umstülpung oder eine Umwandlung die sich nicht im Räumlichen vollzieht.

Es wechseln hier die Richtungen von oben nach unten und von unten nach oben.

Von der Metamorphosenart ist hier die "Inkarnationsmetamorphose" gemeint.

Das Gesetz hat hier eine Entwicklung aus der Vergangenheit, die sich über der Mars-Säule mit einer aus der Zukunft kommenden Entwicklung trifft.

Hier kommt es auch in meinem Entwurf zu einer dem Merkurstab ähnlichen Form.

Trotz langem Experimentieren und Suchen habe ich in meiner "Neuschöpfung" keine Vergleichbare diesen Vorgang klarer und lebendiger wiedergebende Form gefunden, die dem dort stattfindenden Geschehen entspricht.

Die genannten Umstülpungsvorgänge finden sich auch zwischen der ersten und siebenten Säule, der zweiten und sechsten, sowie der dritten und fünften Säule.

Ein weiterer Gesichtspunkt der Gestaltung ist das Element zwischen den Formen, das sich am ehesten mit der Musik vergleichen läßt. (siehe Gustav Mahler "Musik pflegt sich nicht in den Tönen sondern zwischen den Tönen aufzuhalten")

Rudolf Steiner hat nicht umsonst die siebengliedrige Gestaltungsreihe mit der Musik verglichen.

Die neue durch ihn impulsierte Kunst bringt in das räumliche Geschehen ein zeitliches Element hinein. (Raumkunst und Zeitkunst)

Die Saturn-Säule entsprach der Prim, Sonnensäule der Sekund, die Mondsäule der Terz, die Marssäule der Quart, die Merkursäule der Quint, die Jupitersäule der Sext und die Venussäule der Sept in der Musik, ein Intervallerleben.

Es sind aber damit Intervalle als Strebekräfte gemeint, auf keinen Fall Töne!

Rudolf Steiner sagte dazu: "Es kommt an auf das Bewegliche, Bewegende, auf das tätig sich Gestaltende, aber rhythmisch sich Gestaltende, in Melodien sich Erlebende, also auf das Zeitliche."

Nun zu den künstlerischen Qualitäten der Planetenformen selbst.

Um als bildender Künstler einen Ansatz zu haben, müssen die Evolutionsstufen und Planetenkräfte aus dem mehr verstandesgemäßen Darstellen gelöst und neu verbildlicht werden, um plastisch empfunden zu werden.

Bei den verwendeten Charakteristiken beziehe ich mich hierbei auf Äußerungen von Rudolf Steiner aus der Geheimwissenschaft, der Vortragsreihe "Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen" sowie auf phänomenologische Studien von Carl Kemper und den Korrekturen, die Rudolf Steiner den Schnitzern der Kapitelle am ersten Goetheanum gegeben hatte.

In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig zu bemerken, dass das erste. Goetheanum nichts Symbolisches, nichts Abstraktes sein sollte sondern "Wesenhaftigkeit" und "Wahrhaftigkeit", die bis in die Wahl des Materials ausstrahlte.

Die Wahl der Hölzer zu den jeweiligen Motiven gab die Beziehung dieser Baumarten zu den Planeten wieder. Das Goetheanum war ein "Organ", eine Art Kehlkopf, durch den Planetenwesenheiten und Götter geschaut und die Evolution erlebt werden konnte.

Qualitäten der Evolutionsschritte/Kulturstufen:

Saturn: unendliche Leere, raumlose Ewigkeit, Schaudern, Schwindeln, Meer aus Mut, Opfer und Wärme, Geburt der Zeit, mathematisch, unorganisch

Sonne: Luft und Licht, Hingabe, Produktivität, Schöpfertum, Erzengelleuchten, Geburt des Raumes, lebendiges Wachstum, öffnend und entfaltend, wachsen, quellen, sprossen, sprießen

Mond: schöpferische Resignation, Selbstlosigkeit, Wasser, schenkende Tugend, Tragen und Stützen, Zusammenziehung, Verinnerlichung, Differenzierung, Gegensatz, melancholisch-düster, seelisches Leben, Empfangen

Mars: Erlösung ins Bild, Erdenbewusstsein, Abgeschlossenheit, Statik, Gottverlassenheit, Widerspruch, Aufnehmen, Herabsteigen ins Physische, Inkarnation

Merkur: Erwartung der Geister, Schwellenerlebnis, geistbefeuerte Aktivität nach Außen, Schöpfung aus dem Nichts, Element der Bewegung, Übergang vom gewöhnlichen Bewusstsein ins Imaginative, Erwachen des Geistselbst, Freiheit der Welt , Streben nach Etwas, was noch nicht da ist, Bewusstsein

Jupiter: Soziales Empfinden, Gebetshaltung, Blütenhaft empfangen, Begnadetwerden von oben, Überwindung der Isolation, Brüderlichkeit, Lebensgeist, Inspiratives Begnadetwerden, Vereinigung mit der geistigen Welt, geistig belebend, bewegt

Venus: Innere Fülle, fruchttragend, Einheit von Umfassen und Aufstreben, Gleichgewicht von oben und Unten, Kraftvoll bewegt, Einheit und Harmonie, Zusammenklang von allem

Begründung für meinen konkret vorliegenden, neu entwickelten Gestaltungsentwurf

Der Ausgangspunkt, der von mir vorgenommenen Entwurfsgestaltung ist ein Satz aus Ihren Ausschreibungsunterlagen:

"So halten wir es auch für möglich, dass Gesamtsäulengestaltungen entstehen, nicht isolierte Kapitell- und Sockelformen".

Im Hinblick auf alle geäußerten Grundlagen von Rudolf Steiner gelangte ich zu der Ansicht, dass 70 Jahre nach dem ersten Goetheanum nunmehr durch die seither erfolgte Entwicklung der bildenden Kunst, nicht zuletzt auch durch Rudolf Steiner inspiriert, eine zusammenhängende plastische Gestaltung möglich ist.

Die Kräftefelder der Planetenqualitäten, die ich in ihrer räumlichen Beziehung in meiner Einleitung in Zusammenhang mit den Willens- (fortlaufendes Motiv), Gefühls- (vertikales Motiv)- und Denkaspekten (von oben hereinsenkendes Motiv) beschrieben habe, werden in meinem Entwurf nicht strikt in isolierte Kapitell/Sockel und Architravmotive getrennt.

In meinem Gestaltungsansatz durchdringen sich diese drei wesentlichen Elemente in lebendiger Weise und bewirken dadurch ein konstantes Erleben von Bewegung

Während der Entwurfsphase habe ich immer wieder Besucher meines Ateliers gebeten, unbefangen ihren Eindruck von der Gestaltung wiederzugeben

Durchgängig wurde das dynamische Bewegungselement erlebt, das ein Sich-Bewegen von Säule zu Säule möglich macht.

Sieht man Rudolf Steiner in seiner Zeit, so ist sein Bemühen um eine Verbindung des Zeitlichen mit dem Räumlichen unter Zuhilfenahme z.B. musikalischer Elemente auch Teil des damaligen Zeitgeistes. Die ganze europäische Kunst war nach Ende des Kaliyuga dabei, die Haut des Naturalismus zu durchbrechen und sich wiederum mit "Wesenhaftem" zu verbinden.

70 Jahre nach Rudolf Steiners Bemühungen um die Kunst des fünften nachatlantischen Zeitraums auf der Basis seiner Forschungen im Zusammenhang mit Goethes Metamorphosenlehre ist es meiner Ansicht nach möglich, aus der Methode heraus noch einen Schritt mehr in Richtung eines zusammenhängenden Bewegungsmotives aller drei Raumesrichtungen zu tun

Die Auflösung einer starren Trennung von Sockel/Kapitell und Architrav bewirkt ein stärkeres Erleben der Bewegung und stellt zugleich die Frage nach dem Konflikt zwischen dem architektonischen Element (Tragen/Lasten) der Säulenidee und dem plastisch-dynamischen Bewegungs- und Evolutionsmotives innerhalb der gesamten Raumidee des Mannheimer Saales. Das architektonische Grundmotiv der "tragenden Säule" und des "lastenden Architravs" ist bei jeder einzelnen Säule von mir berücksichtigt worden.

Das Losgelöstsein von der starren graphischen Trennung bewirkt eine Lebendigwerdung der einzelnen Säulengestalten im Hinblick auf ihre künstlerischen Aussagen. Die Säule wird in meinem Entwurf, eigenständig gestaltet als Kräftefeld in ihrem Eingebundensein in die verschiedenen Bewegungsrichtungen, zur gestalterischen Individualität.

Der Architrav und der Sockel sind im Gesamtplastischen mit eingebunden, so dass alle Motive in Bewegung und damit zugleich in Entwicklung begriffen sind.

Sowohl die Sockelformen als auch die Kapitellformen entstehen und vergehen in der Fläche, entstehen als Kräftefeld, konfigurieren sich in der Form und lösen sich wieder auf. Sie opfern sich sozusagen im Hinblick auf die nächste Form.

Ich habe das gesamte Flächenleben und Flächenweben als Membran empfunden zwischen irdischem Wollen, Fühlen und Denken im Zusammenklang mit kosmischen Gesetzen.

Dies geschieht zugleich unter Berücksichtigung architektonischer Aspekte von "Tragen" und "Lasten". Diesen Aspekt halte ich ebenso für sehr bedeutsam, denn es bleibt auch angesichts seines kultischen Zusammenhangs immer noch ein Gebäude, in dessen Zusammenhang architektonische Gesichtspunkte und statische Prinzipien gelten. Diese Transformation des plastischen Zusammenhangs in die Architektur stellt sich in diesem Zusammenhang als zusätzliche Aufgabe.

Die grundsätzliche "Idee" der Säule ist die tragende Funktion, die klassische Ausbildung des Kapitells, der Übergang vom "Lastragenden" Säulenschaft zum "lastenden" Architrav. Diesen architektonischen Aufgaben habe ich in meinem Entwurf Rechnung getragen, indem ich versucht habe, im Bereich des Kapitells jeweils Schwerpunktgestaltungen zu entwickeln, die sowohl eine Verbindung zur Schaftfläche, als auch zum alle Säulen verbindenden Architrav aufnehmen.

Bei den neu entwickelten Sockelelementen, die auch bei mir einen pflanzlichen Metamorphoseaspekt zum Ausgangspunkt haben, habe ich versucht in der Flächengestaltung das mehr "Symbolhafte" zu vermeiden zugunsten einem lebendigen Erleben der Wachstumskräfte. Diese Motive sitzen auch nicht "wie angeklebt" auf der Säule, sondern gehen insgesamt mal mehr und mal weniger einen lebendigen Flächenzusammenhang mit der Säule ein. Auch hier ist ein "Bewegungsmotiv" erlebbar in seiner Verwandlung vom Keim hin zur Blüte und zum Samen.

Es sollen "Saturn-, Sonne-, Mond-, Mars-, Merkur-, Jupiter- und Venusqualitäten" erlebt werden in ihrer Verwandlung durch Raum und Zeit.

Jedes Kapitellmotiv ist auch wieder dynamisch aus der Säulenfläche erwachsen, verbindet sich mit dem Motiv des Tragens und Lastens als unabhängige Aufgabe der Säule im architektonischen Zusammenhang.

Die gleiche Aufgabenstellung in Reliefform würde zu völlig anderen Lösungen führen, da das plastische Element sich bei einer reinen Reliefarbeit vom Architektonischen lösen könnte.

In den Architravmotiven wurde dem zusätzlichen Aspekt der Begegnung von Vergangenheitsaspekten mit Zukunftsaspekten über der vierten Säule Rechnung getragen, wobei sich hierbei trotz vieler Bemühungen in der Umwandlung des Oben zum Unten und Unten zum Oben ein "Merkurmotiv" lebendig ergab.

Dies ist keineswegs als von den alten Motiven her "übernommen" zu erleben, sondern als ein sich lebendig Ergebendes Motiv als Folge eines künstlerischen Bemühens an dieser Stelle.

Ich kann den Betrachter an dieser Stelle nur bitten, sich möglichst unbefangen und zunächst ohne vorgefertigte Begriffe (Rudolf Steiner nannte dies mal scherzhaft "Planetenplunder") den plastischen Formen zu nähern und die vielfach entwickelte "anthroposophische Verstandesseele" zurückzustellen.

Diese plastischen Raumentwicklungen brauchen die lebendige innere Arbeit des Betrachters, um sich ihm zu erschließen. Es ist wie Rudolf Steiner sich ausdrückte "ein Angebot an den lebendigen Geist des Betrachters" der mit seinen eigenen geistigen Fähigkeiten die Formen verlebendigt und somit das Kunstwerk erschafft.