Zur Aufgabenstellung der Farbgestaltung
Grundsätzliches:
"Der Mensch ist das Maß der Dinge"
In den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden finden wir bei der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen und Gebäuden die Anwendung der "menschlichen Dimension und Proportion".
Die Maße des menschlichen Körperbaus bestimmten dabei Möbelmaße Raumhöhen, Tür- und Fenstergrößen, Treppenstufen, Griffe, etc.
Ihre Wirkungen wurden unmittelbar empfunden und alle Baustile der Vergangenheit haben den "goldenen Schnitt", das "harmonikale Maßsystem" als universales Gesetz, das auch im Bau von Pflanzen, Tieren und Menschen gilt, verwendet. Johannes Kepler hat diese Gesetze sogar in den Planetenbahnen entdeckt. Die entsprechende Farbgebung war integraler Bestandteil des Baugeschehens (neuste Forschungen haben die farbliche Gestaltung der ägyptischen und griechischen Tempel, die bisher immer den Architekten als Beispiel für eine sachliche Bauweise galt, nachgewiesen).
Architektur und Gestaltung sollten funktionales, bildnerisches Ergebnis von Lebensvorgängen sein und den Bedürfnissen der Menschen dienen.
Zur Gegenwart:
Wie konnte es geschehen, daß ausgerechnet dieses weitreichende soziale Verständnis von Architektur und Gestaltung verwandelt wurde in eine von Rationalisierung und Standardisierung geprägte Art des Bauens, die alle Maßstäbe verwendet, nur nicht mehr die des Menschen?
Die im Zusammenhang mit der Wissenschaft erfolgte Loslösung des Menschen von der Natur kehrt sich nun gegen ihn selbst. Die Spaltung von Subjekt und Objekt, nach der nur als wissenschaftlich objektiv gilt, was sich in der Natur unabhängig vom Menschen aber auch unabhängig von der Umwelt (Laborwissenschaft) als wiederholbares Geschehen von Ursache und Wirkung festhalten läßt, ist die Grundlage dieser Entwicklung.
Die Sinnenswahrnehmung des Menschen, durch die die Beobachtungen trotz aller wissenschaftlichen Geräte beurteilt werden, gilt paradoxerweise nicht mehr als "objektiv. Ist es verwunderlich, daß daraus eine vollkommene Beziehungslosigkeit zwischen Mensch und Umwelt entstand und daß uns deshalb auch das wissenschaftliche Instrumentarium für eine ganzheitliche Umweltforschung fehlt?
Nur Lebloses kann gezählt, gemessen und zerlegt werden.
Die Maschinentheorie des Lebendigen wird auch in Architektur und Design nur überwunden werden können, wenn der nach ästhetischen Regeln und stilistischen Gesetzen suchende Blick des Gestalters sich wiederum auf den Erzeuger und Bewerter aller ästhetischen Urteile auf den Menschen richtet.
Wir haben eine neue Bau- Menschenkunde zu entwickeln. Nur über eine methodische Erforschung des Erlebnisbezugs zu Raum, Farben und Gestalten ist es möglich, wieder von einem sinnvollen Bauen und Entwerfen zu sprechen.
Sinnvoll als Doppelsinn: Die Sinne des Menschen sind wieder in den Mittelpunkt gerückt.
Tastsinn -Lebenssinn - Bewegungssinn - Gleichgewichtssinn
Geruchssinn - Geschmackssinn - Sehsinn - Wärmesinn
Proportions- oder Tonsinn - Gestaltsinn - Gedankensinn - ldentitätssinn
Beim Durchgehen der verschiedenen Sinne kann eine Gliederung in mehr willensbetonte Sinne, gefühlsbetonte Sinne und gedankenbetonte Sinne getroffen werden.
Die Farbgestaltung:
Der Farbgestalter beschäftigt sich mit Licht und Farbe, den Urelementen des Sehsinns.
Ohne Licht und ohne Farbe an den Dingen, die sie erst gestalthaft kontrastieren, wäre die Welt dem Auge ein Nichts. So ist der Sehsinn der umfassenste und bedeutsamste Sinn, der alle anderen Sinne unterstützt und ergänzt.
Das Auge dient als Vermittler der Reize, die über die Hypophyse direkt auf das vegetative Nervensystem und die hormonellen Prozesse einwirken. Schon das hat weitreichende Konsequenzen für die Licht- und Raumgestaltung und für den Einfluß der Umweltgestaltung auf Regeneration und Belastung des menschlichen Organismus.
Eine Untersuchungsreihe (Richard Neutra berichtet darüber in seinem Buch "Wenn wir weiterleben wollen") hat die Wirkung von Klassenräumen auf Schulkinder untersucht:
Es zeigte sich, daß viele sogenannten Schulkrankheiten von einer visuellen Schädigung des Organismus herrühren. Allein durch eine organgemäße Verbesserung der visuellen Gestaltung des Klassenraums (Gleichgewicht der Helligskeitskontraste, bessere Lichtführung und Farbgestaltung) konnten 65 % der Sehstörungen (Refraktionsstörungen), 40 % aller chronischen Infektionen (Hals - Nase - Ohr - Kreislauf) und 47 % von Unterernährungssymptomen bzw. Wachstumsstörungen behoben werden. Der Leiter der Untersuchungen, Dr. B. Harmon, schätzt weiterhin, daß 50 % der Fälle mit schlechtem Kieferschluß durch verkrampfte Körperhaltungen, hervorgerufen durch ein nicht organgemäßes Sehfeld, zu erklären sind.
Der wichtigste Zusammenhang ist, daß der Mensch innerlich nachbildet und bewegt, was er äußerlich wahrnimmt.
Wir alle tragen in uns einen seelischen Farbenkreis, von dem aus wir alles Farbige um uns herum in Gefühlsqualitäten erleben. Umgekehrt können wir Gefühle auch farbig zum Ausdruck bringen.
Jeder Menschen hat aufgrund seiner ureigenen seelischen Mentalität einen individuellen Farbraum mit Farbklängen, die seine Identität bilden.
Die Farben selber sind aber zugleich über das subjektive Erleben hinaus in ihrer allgemeingültigen Gesetzmäßigkeit zu erfassen. Der Farbgestalter muß darin geübt sein, nicht nur sein subjektives Farberleben zu konstatieren, sondern je nach Ort, Menschen, Funktionen, Raumgestalt, Lichteinfall aus der Ordnung der seelischen Wirkungen von Farben heraus, zu Gestaltungsgesichtspunkten zu kommen.
Die Farben:
Die Grundpolarität des Farbenkreises unterscheidet aktive und passive Farben. Zur aktiven Farbseite gehören Purpur, Rot bis Orange, Gelb und Grün, die wir als "auf uns zukommende Farben" empfinden. Dies ist die lichthaft warme Seite der Farbempfindung und zugleich der seelisch anregende Teil.
Auf der passiven Seite haben wir vom Grün, Türkis, Blau zum Violett Farben, die "von uns weggehen". Dies ist die finsternisverwandte, kalte Seite des Farbenkreises, die seelisch konzentrierende und beruhigende, mit unserem Denken und Erkennen verbundene Seite.
Grün ist dabei die ausgleichende, vegetative Mitte, Purpur ein Bild der Integration und Dynamik.
Der Zusammenhang im Jahreslauf ist offensichtlich:
Die lichtverwandten Farben im Frühjahr und Sommer ergreifen uns seelisch und wirken belebend auf unser vegetatives Nervensystem.
Die Wintermonate mit ihrem Lichtmangel bewirken einen Rückgang unserer Vitalität, fördern aber unser Denken.
Gestaltungsgesichtspunkte:
Für die Gestaltung von Räumen mit Farben gibt es nun verschiedene Gesichtspunkte.
Ein blauer Raum wird immer größer wirken als ein roter.
Dies ist der Gesichtspunkt der Farbperspektive, der Urpolarität von Aktiv/Passiv.
Je nach Raum, Form und Belichtung kann ich damit arbeiten. Je nach dem, ob der Raum groß, konkav, konvex, zusammengezogen, raum- oder körperbetont wirken soll, setze ich die entsprechende Farbgebung ein. Endlose Flure können durch Rhythmen von Farbklängen gegliedert werden in eine Folge von Zusammenziehung und Ausdehnung.
Es gibt Farben, die mehr dem Lebendigen verwandt sind und Farben, wie Braun, Ocker, Oliv, Grau und Schwarz, die sich mehr dem Lebendigen entziehen.
Ein weiterer Gesichtspunkt sind Hell/Dunkelkontraste, die eine eigene Spannung erzeugen und mit der Dynamisierung von Licht zusammenhängen.
Der Gleichgewichtssinn ist ein weiterer Gesichtspunkt. Ein dunkles Dach kann lastend wirken, eine dunkle Wand zugleich ein stützendes Element haben, eine dunkle Decke wirkt schwer, eine helle Decke kann die Raumhöhe steigern im entsprechenden Verhältnis zur Wandfarbe.
Farben können, weil sie zu uns sprechen und auf uns wirken, bestimmte Gefühlsmomente vermitteln, Gegenstände verbildlichen und Bedeutungen sinnlich erfahrbar machen.
Zur Schulgestaltung:
Im Falle einer Schule dient der Bau der zeitlich ausgedehnten, vielgestaltigen und komplexen Entwicklung junger Menschen. Der Farbgestalter hat die Aufgabe, der Identifizierung der Räume mit den kulturell verschiedenartigen Funktionen Rechnung zu tragen. Im Falle einer Schule sind dies allgemein Vitalität, Offenheit und Vielgestaltigkeit.
Kinder sind gegenüber Stimmungen und Farben noch viel empfänglicher als Erwachsene. Die seelische Bewegung der Kinder geht zumeist von Außen nach Innen, d. h., die Stimmung, die ein Kind umgibt, bestimmt seine Handlungsweise mit. Die psychische Qualität der Farbgestaltung ist hier eine Kunst der "indirekten Mittel". Jede Altersstufe hat ihre spezifisch seelische Grundstimmung. Hier wird die Farbgestaltung zum Resonanzkörper des inneren Entwicklungsganges.
Die Farbgestaltung in der Schule muß in Übereinstimmung mit den Funktionen der Räume geschehen. Der Konferenzraum der Lehrer hat eine andere Atmosphäre als ein Musikraum oder gar eine Werkstatt. Zugleich hat jedes Unterrichtsfach seinen eigenen Duktus. Der Physikunterricht unterscheidet sich wesentlich vom Kunstunterricht. Der Farbgestalter hat hier die Aufgabe, die Identität des Unterrichtsfaches über die Farbgebung zu verbildlichen. Ein Lehrer kann sich sehr viel Mühe geben, aber durchaus gegen die Stimmung in einem Raum unterrichten müssen. Die Schule erhält so einen Farbkanon, der der Entwicklungsreihe der Schüler, der speziellen Identität der Fachräume, der Bewegungsmentalität des Schullebens und der vorliegenden Architektur Rechnung tragen muß.
Zur Farbverwendung:
Die Art der Farbbehandlung hat wiederum viel mit der Wirkung zu tun, die die Farben auf uns ausüben.
Verwende ich lasierende Farben, erhalte ich eine durchlichtete, offenporige Atmosphäre.Verwende ich deckende Farben, erhalte ich eine geschlossene Farbfläche, die materieller wirkt. Beide Farbbehandlungen haben durchaus ihre Vor- und Nachteile.
Die Beziehung der Farben Untereinander:
Mit Hilfe von Experimenten zu Nachbildern ist bekannt, daß jede Farbe in uns das komplementäre Nachbild hervorruft. Dies gilt auch für Mischtöne. Schaue ich längere Zeit auf eine rote Fläche, so entsteht in mir nach Schließen der Augen ein grünes Nachbild.
Dies zeigt uns, wie komplex und vielschichtig das Farberleben ist. Nachbilder von Kleinkindern unterscheiden sich grundsätzlich von denen der Erwachsenen.
Verwende ich im Raum im Farbenkreis benachbarte Farben wie etwa Gelb/Grün, so erhalte ich monoton zueinander stehende Farben.
Überspringe ich einen Farbton, so erhalte ich charakteristische Farbklänge, wie z.B. Zinnober/Grün.
Verwende ich die im Farbenkreis gegenüberliegenden Farben, z. B. Pfirsichblüt/Grün, so erhalte ich harmonische Farbklänge. Diese Einteilung verdanken wir J. W. Goethe, dem in seiner Farbenlehre die sinnlich-sittliche Wirkung der Farben ein wichtiges Anliegen war. Die Verwendung dieser Farbklanggesetze richtet sich wiederum nach dem Anliegen des Farbgestalters. Mit ihrer Hilfe sind spezifische Wirkungen zu erreichen. (monoton verlaufende Farbverläufe im Flurbereich, etc.)
Zum Arbeitsbereich des Farbgestalters:
Die Aufgabenfelder der Farbgestaltung umfassen alle Lebensbereiche, wie z. B.
- Arbeitsplätze/Büros
- Kliniken/Therapieeinrichtungen
- Schulen/Kindergärten
- Privathäuser
- öffentl. Einrichtungen/Plätze/Bahnhöfe, etc..
Die Arbeit des Farbgestalters ist eine komplexe, mit vielen verschiedenen Gesichtspunkten behaftete, ausgesprochen "handwerklich-akademische" Arbeit und lebt aus der Wechselbeziehung "wissenschaftliche Kunst-künstlerische Wissenschaft".
Es gehört viel soziales Engagement, Einfühlungsvermögen und künstlerische Vielfalt dazu, den verschiedenen Aufgaben entsprechende Gestaltungen zu entwickeln. Dem "menschlichen Maß" zu entsprechen, für Menschen mit ihren verschiedenen Lebenssituationen und Beanspruchungen Entwicklungsständen und individuellen Bedürfnissen die richtigen Farben am richtigen Ort zu finden, ist seine Aufgabe.
Die Kunst ist hier nicht Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit, die für sich selbst arbeitet, sondern die Kunst wird hier zur Qualität (vergleichbar dem Metermaß oder Kilogramm), der Künstler zum selbstlosen Vermittlungsorgan, der lernen muß, "die richtigen Fragen zu stellen" und der sich den Aufgaben der heutigen Zeit in all ihrer Zerrissenheit stellen muß.
Im Sinne einer umfassenden Auseinandersetzung mit den Fragen der sich rasch entwickelnden Technik hat die Kunst der Zukunft die Aufgabe "das menschliche Gefühl" als beachtenswerte Entität zu retten. Hierzu muß der z.Zt. geltende Funktionsbegriff erweitert werden:
Eine Schule oder ein Bürohaus funktioniert nicht nur dann richtig, wenn alle technischen Fragen gelöst sind, sondern nur, wenn auch die Frage nach den Gefühlen der dort lebenden Menschen richtig beantwortet worden ist. Um diesen "Dienstleistungsanspruch" der neuen Kunst erfüllen zu können, bedarf es Institutionen von sozial verantwortlichen Künstlern, die sowohl handwerklich als auch künstlerisch konkurrenzfähig sind und den modernen Anforderungen des Bauwesens gewachsen sind.
Das Atelier Kaller ist eine solche neue Institution, in der Technik, Handwerk und Kunst vereint sind und die nach der jeweiligen für Menschen entsprechenden Lösung sucht.
Dortmund, den 10. Mai 1995
Überarbeitet: Februar 2004
Robert Kaller


