"...und dann frage ich einfach den Goethe"
Wie der Klassiker mein Mitarbeiter wurde
"Zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche für die
Wissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter. Das Zeitalter war s, das
den Sokrates durch Gift hinrichtete, das Zeitalter, das Hussen
verbrannte, die Zeitalter sind immer gleich geblieben..."
Goethe
Als Schüler und Student wurde ich mit Goethe noch regelrecht belästigt,
meine Reaktion darauf war typisch für eine ganze Generation, denn ich
verweigerte dem Dichterfürsten mein Interesse. Er schien mir eher
etwas für alte Leute zu sein, glorifiziert und von den von mir
verhaßten Bildungsbürgern auf Podeste gestellt.
Im Rahmen meiner
Studien zu Kunst, Philosophie und Pädagogik erhielt ich zu einem
Geburtstag ein kleines dtv- Taschenbuch mit Maximen und Reflektionen
von Goethe: eine lockere Textauswahl mit Bemerkungen und Gedanken zu
Allem und Jedem.
Dem Zauber der Goetheschen Betrachtungen konnte ich
mich nicht entziehen, das zerlesene Exemplar ist bis heute mein
ständiger Begleiter ...
Beim Gestalten einer alten Villa in
Saarbrücken entdeckte ich auf dem verstaubten Dachboden eine
Goethe-Biographie von Georg Witkowski aus dem Jahre 1912. Trotz
altdeutscher Schrift ein packendes und fesselndes Bild eines Menschen,
der liebt, leidet, denkt und forscht, lebenslang.
Beim Lesen dieses
Buches wird Goethe zu meinem Freund, ein ständig suchender und
forschender Mensch, in seinen Siegen unangefochten klar und auch in
seinem Leiden und Scheitern klar und konsequent.
Nun endlich war ich
mit 30 Lebensjahren bereit, seine Farbenlehre anzugucken ein wenig
ängstlich, denn ich fürchtete meine Freiheit im Umgang mit den Farben
zu verlieren ...
Die verblüffende Erfahrung mit Goethe wiederholte
sich auch hier: sein phänomenologischer Ansatz führt zu Erkenntnissen,
die frei lassen, aber durch die Präzision seiner Beobachtungen zur
Qualitätssteigerung führen.
So wurde Goethe ein Mitarbeiter in meiner
kleinen Firma ... Viele Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten,
Stadtteile, Privathäuser, öffentliche und gewerbliche Gebäude, Hotels
etc. habe ich mit Goethes Hilfe farblich gestaltet. Er rührt Farben
mit mir und steht auf der Leiter (und das in seinem hohen Alter).
Wenn
ich Fragen habe, frage ich ihn und er hat immer eine Antwort für mich,
und sei es die Bestätigung der Frage ... ... eine Frage, wenn es eine
gute Frage ist, beantwortet sich oft dadurch, daß man sie stellt ...
(Bob Dylan, der übrigens auch ein Goetheleser ist ...)
Robert Kaller
Dortmund, den 19.07.04


