» Das Atelier » Leitbild » Robert Kaller » „Farben sind Gedanken des Herzens“

„Farben sind Gedanken des Herzens“

Interview von Stephanie Sack mit Robert Kaller

Das Brückstraßenviertel hat sein Gesicht verändert. Es lächelt jetzt. Aus trostlos-grauem Fassadeneinerlei ist unter der Hand von Robert Kaller eine individuell gestaltete, aber aufeinander abgestimmte, farbige Häuserlandschaft geworden. Der Baukünstler gestaltet seit 20 Jahren Lebens- und Wohnräume im Innen- und Außenbereich. MieterInnenExpress sprach mit ihm über sein künstlerisches Konzept. Lesen Sie hier Teil I des Interviews.


Sie gestalten Arbeits- und Lebensräume. Was unterscheidet Ihre Arbeit von Kunst am Bau?

Kunst am Bau charakterisiert einen bestimmten Vorgang: Ein Kunstwerk wird eingekauft und nachträglich vor eine Wand aufgestellt oder hingehängt. Es hat einen dekorativen oder auch selbstbezogenen Charakter. Dies ist legitim und oft auch sehr schön. Ich versuche aber mit meinen Arbeiten den Prozess der Raumgestaltung von Anfang an mit zu prägen. Ich arbeite in sozialen Zusammenhängen, der Gestaltungsprozess wird dadurch beeinflusst. Ich muss mit meinen Auftraggebern reden, Lösungen anbieten und um einen sozialen Kontext ringen. So ist jede gestalterische Fragestellung eine individuelle: Welche Menschen mit welchem Anliegen leben und arbeiten dort? Was brauchen sie für eine Stimmung um sich? Was geschieht in einem Raum? Wie kann man diese Anforderungen mit künstlerischen Mitteln unterstützen und begleiten.

Warum ist Kunst integraler Bestandteil des Bauens und Wohnens?

Weil der Mensch ein wahrnehmendes Sinneswesen ist und Kunst wirkt. Mittlerweile ist bekannt, wie sehr z.B. unsere Körperhaltung von der Raumgestaltung beeinflusst wird, wie Farben auf Atmung und Hormonhaushalt wirken. Wie unser Sehsinn, unser Gleichgewichtssinn, unser Tastsinn auf bestimmte Umweltreize reagieren. Wir brauchen eine mit Sinn und Sinneswahrnehmung erfüllte, wechselhaft und interessant gestaltete Welt. Geschieht dies nicht, folgt Langeweile, Missmut, Ermüdung, Verwahrlosung etc. Schöne Dinge sprechen uns auch in unseren schönen Empfindungen an und monotone und hässliche Außenreize wirken auf uns zerstörerisch, lösen Stress aus und machen krank. Unsere z.T. absolut verwahrlosten oder zu technischen Schulgebäude z.B. wirken schädigend auf unsere Kinder.

Sie wollen verstehbare Kunst schaffen. Was heißt das?

Ernst Barlach hat auf die Frage, für wen er Kunst mache, geantwortet: " ...für die Besten meiner Zeit und... für die Putzfrau!" Verstehbare Kunst bedeutet, dass Kunst nach den intellektuellen Salonschlachten der letzten Jahrzehnte auch mal wieder "schön" sein darf. Sie muss nicht kompliziert erklärt werden. Sie sollte Kraft geben, um zu wirken. Ich freue mich, wenn mich Menschwn auf der Straße ansprechen und sich wie gerade geschehen z.B. für den Farbton bedanken, den ich jüngst dem VHS-Gebäude in Herten gegeben habe. Außderdem: ich kann meine Arbeiten erklären. Den Weg, den ich gegangen bin und die Gesichtspunkte, die mich bewegt haben, kann ich in Worte fassen.. Das Kunstwerk und seine Idee selbst bleiben natürlich ein schöpferisches Geheimnis, übrigens auch für mich selbst!

Die Gestaltung des persönlichen Lebensumfeldes wirkt positiv oder negativ. Können Sie ein Beispiel im Wohnbereich nennen?

Ich habe mindestens 20 Privathäuser unter Mitwirkung ihrer Bewohner komplett gestaltet. Wichtig ist es z.B. für Eltern, bei der Gestaltung von Kinderzimmern das eigene Kind, seine spezielle Mentalität einmal genauer zu betrachten: Was braucht es für eine gesunde Entwicklung? Muss hier eine verträumte Seele geweckt werden oder braucht eine hektisch-haltlose Gesinnung Halt von außen... Diese Themen kann man natürlich mit Farben und Gestaltung unterstützen. Ich kann an dieser Stelle nur auffordern, Mut zu haben, die eigenen Empfindungen und Bedürfnisse im Wohnbereich ernst zu nehmen. Goethe z.B. hatte an diesem Punkt ganz präzise Bedürfnisse (siehe sein Haus in Weimar) und wer einmal einen farbig gestalteten Raum erlebt hat, weiß, mit wie wenig Möbeln z.B. ein solcher Raum auskommt oder wie schön auch billige Möbel vor einer farbigen Wand wirken.