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Robert Kaller. Kunst-Unternehmer

Selbstbewusst beschreibt Robert Kaller seine Position in jenem Konstrukt, das er 1994 als „Atelier Robert Kaller“ gründete: unter www.kallerkunst.de finde man die Darstellung einer hoch professionell arbeitenden Firma in Dortmund, die die Existenz eines Geschäftsführers plus Marketing Director vermuten ließe, darüber hinaus Manager, Sekretärin, Assistenten usw. Tatsächlich agiert hier nur einer: Robert Kaller. Als Unternehmer, der sein Büro und sämtliche Verhandlungen führt, der seine künstlerischen Aktivitäten vermarktet und der für die Buchhaltung verantwortlich zeichnet. Als Künstler, der, in sozial-pädagogischen Prozessen stehend, malt, mosaikt, bildhauert und dichtet, der eine „Entwicklungsagentur“ und die „Arbeitsgemeinschaft Farbe und Mensch“ ins Leben rief, der sich schließlich Ideen und Ideale leistet und an Gott und Engel glaubt. Bei aller Autonomie weist er auf eine Auswahl passender Kooperationspartner hin, auf die er zurückgreift, um Aufträge fristgerecht abzuwickeln.

Die Annäherung an sein Werk erfordert Feingefühl ebenso wie die Bereitschaft zur Unkonventionalität, zumal er selbst sich vehement gegen jede Kategorisierung wehrt: er lasse weder sich noch sein Werk scannen, geschweige denn in irgendwelchen Dateien ablegen. Die Presse, die seit Jahren regelmäßig Kallers Arbeit kommentiert, apostrophiert ihn je nach Bedarf und Anlass als Künstler, Baukünstler, Pädagogen oder Farbexperten.

Fakt ist: er hat seinen Beruf selbst erfunden und begreift ihn als Berufung, so wie er sich gleichermaßen als Kunstunternehmer, Künstler und Veränderer versteht.

Robert Kaller als Unternehmer – vertraut mit baugewerblichen Rechts- und Finanzierungsfragen ebenso wie mit dem Maler- oder Schreinerhandwerk – handelt auf dem Boden der Tatsachen, in konkreten Daseinszusammenhängen und unter Berücksichtung der Vorstellungen seiner Auftgaggeber. Als Künstler schafft er in diesem Handeln, diesem absichtsvollen Unternehmen, die grundlegenden Bedingungen für die Begegnung von Kunst und Leben. Den Veränderer schließlich motiviert sein Wissen um Metamorphosen und die enorme Kraft von Veränderungen zu einer idealistischen Suche nach dem Neuen und Unverbrauchten, das aus Vorhandenem hervorgeht oder zu entwickeln ist.

Die Gestaltung von Fußgängerunterführungen visualisiert auf sehr anschauliche Art und Weise das oft verwendete Prinzip der Farbmetamorphose: am Anfang steht das Gelb und Grün, das sukzessive in Rot-Orange übergeht, auf der gegenüberliegenden Seite ist die Farbentwicklung komplementär, was beim Durchschreiten Farbklangerlebnisse besonderer Art hervorruft. Die Verwendung metamorphosischer Gesetzmäßigkeiten durchzieht Kallers Farb- und Formkompositionen wie ein roter Faden. Ausdruckslos schlammfarbene Fassaden verwandeln sich unter Kallers Regie zu städtebaulichen Schmuckstücken, wobei er in dem prozessualen Charakter der Umgestaltung, idealerweise über ganze Straßenzüge hinweg, die eigentliche Metamorphose sieht.

Auf seine persönliche Botschaft verzichtet der Künstler Robert Kaller auch und gerade dann nicht, wenn es sich um einen öffentlichen Auftrag handelt, wie beispielsweise die Ausstattung einer Bildungseinrichtung mit Mosaiken oder die Umsetzung eines Farbkonzeptes für ein Schwimmbad oder eine Turnhalle. Das Kernstück seiner Botschaft ist die Überzeugung, dass die Kunst das alleinige Medium ist, durch das Veränderungen im 21. Jahrhundert überhaupt möglich sind, sei es im Bewusstsein des Einzelnen, sei es in soziale Zusammenhängen. Entschieden setzt er auf sein gestalterisches Potential, um seiner Absicht, positive Veränderungen herbeizuführen, gerecht zu werden. Vordergründig wird ein düsterer Tunnel, eine kränkelnde Fassade oder ein vernachlässigter Schulhof schöner – sehr wohl kalkuliert ist aber die katalysierende Wirkung des Schönen auf den Menschen. Die Wahl seiner Farben und deren Komposition ist weder Zufall noch eine Frage des Geschmacks. Sie ist die notwendige Erfüllung dessen, wonach der Baukörper verlangt.

Robert Kaller tritt energisch für den Ausbau eines sozial relevanten Farb- und Formvokabulars ein. Ihm geht es um Innovation, Optimierung und Emotionalität, im Resultat entstehen dabei geradezu berührende Lösungen wie zum Beispiel die Fassade der Mansfeld-Schule in Bochum, die Außengestaltung des Projektes „Lebendiges Wohnen“ in Siegen oder die aktuell in Vorbereitung befindliche Gestaltung des Kulturzentrums „Parkhaus Barop“ in Dortmund. Ziel einer Kallerschen Fassadengestaltung ist die überzeugende Korrelation der Aufgaben einer Institution, eines Privat- oder Geschäftshauses mit dem äußeren Erscheinungsbild. Aus dem Umstand, dass die Gestaltung zudem authentisch und Gesinnungsausdruck ist, ergibt sich des weiteren eine Korrelation mit den Idealen, die Kaller für sein Schaffen proklamiert. In dieser Verschränkung verbindet sich der Künstler mit seiner Aufgabe: eine intelligente Strategie, die dazu führt, dass er den Nerv seiner Auftraggeber trifft, ohne sein eigenes Kunstwollen zu verraten.

Viele durch Robert Kaller von urbanen Sünden zu urbanen Oasen umgestaltete Elemente fungieren als Scharnier zwischen Kunst und Gesellschaft. Kaller bringt lichte Lebendigkeit in die Langweiligkeit der Städte und der Kreis derer, die seinen Ausdruck begreifen, wuchs und wächst beständig und so verlangt man heute, was völlig frei entstand.

Während bestimmte Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst, deren Präsentation nicht selten zum Parkett diverser Selbstdarstellungen gerät, von einem vergleichsweise überschaubaren Publikum wahrgenommen werden, ist Kallers Botschaft vermittels der Gestaltung öffentlichen Raumes breiten Bevölkerungsschichten zugänglich, also auch den Menschen, die sich jenseits des vermeintlich elitären Kreises von Galerie- und Museumsbesuchern aufhalten. Ähnlich vielleicht wie Kaller, der sich mit diesem Teil seiner Arbeit jenseits des Geflechtes einer Szene bewegt, in dem so manche Künstler zappeln, ohne dass in ihr Bewusstsein dringt, dass hier Vieles, aber keine Freiheit möglich ist.

Wer eine Fußgängerunterführung passiert, landet an deren Ende nicht zwingend im Museum. Wer aus der Schule kommt, findet sich nicht zwingend in einer Galerie wieder. Deswegen ist es klug, schon die Fußgängerunterführung und die Schule so zu gestalten, dass einem eklatanten Defizit ästhetischen Empfindens rechtzeitig begegnet wird. Schon im Kindergarten ein Gefühl für Form und Farbe zu vermitteln, wird dazu beitragen, unsere Nachkommen für den Umgang mit dem zu sensibilisieren, was im gehetzten Alltag implizit als überflüssig apostrophiert wird, indem es gar nicht erst zur Sprache kommt. Bei Robert Kaller kommt es zur Sprache: das Verlangen nach und die Notwendigkeit von Schönheit.

Seine Konsequenz liegt in der Zusammenfassung von Malerei, Bildhauerei und Mosaik und deren Realisation als Dienstleistung im Bauwesen, ein Beispiel dafür ist das „Mosaikhaus“ in Dortmund. Robert Kaller geht es um eine sinnvolle Gestaltung von Lebens- und Arbeitsräume im öffentlichen, gewerblichen und privaten Bereich, damit die Menschen sich in den Räumen, in denen sie leben und arbeiten, wohl fühlen. Die Wirkung von Farbe auf die seelische Befindlichkeit ist längst nachgewiesen, niemand zweifelt ernsthaft daran, dass eine die Sinne ansprechende Umgebung konstruktive Kräfte mobilisiert. Dieses Prinzip nutzt Kaller, der sich unentwegt mit wahrnehmungspsychologischen Fragen auseinandersetzt, in seinem Bestreben, vermittels seiner Kunst menschlichen Empfindungen eine ihnen gemäße die Bedeutung angedeihen zu lassen.

Die angewandte Kunst sieht eine bildkünstlerische Auseinandersetzung mit städtebaulichen Aspekten nicht vor, erst recht nicht von Architektur im Sinne von lebenswertem Wohn- und Arbeitsraum. Demnach handelt es sich bei der Arbeit Robert Kallers nicht um angewandte Kunst. Zum Glück! denn wir erinnern uns: er lässt weder sich noch sein Werk kategorisieren.

Zweifellos aber verbindet ihn mit dem mittelalterlichen Handwerker-Künstler, der mit seiner Werkstatt und verschiedenen Gewerken eine letztlich auch sozialrelevante Arbeit schafft, mindestens so viel wie mit dem zeitgenössischen Künstler, der sich vor sein Werk stellt, das absoluter Originalitätsbestrebung unterworfen und vor allem zweckfrei ist, zumindest was seine praktische Funktionalität betrifft.

Das wesentliche Charakteristikum dieses unternehmerischen Teils künstlerischen Engagements bei Robert Kaller besteht darin, dass nicht Objekte zum bloßen Betrachten entstehen, sondern dass von ihm gestaltete Objekte von einer subtilen Wechselwirkung zwischen Kunst, Kulturpraxis, Pädagogik, Psychologie und Ökonomie geprägt sind und in diesem Sinne alltagstauglich funktionieren sollen. Vom reinen Kunsthandwerk weit entfernt, bilden Interdisziplinarität und eine ausgefeilte Theorie jene profunde intellektuelle Basis, die dem Wirken des freien Künstlers eigen ist.

Dr. Barbara M. Thiemann

6.2.2007

Barbara Thiemann studierte Kunstgeschichte, Soziologie und klassische Archäologie in Münster und Bochum, Promotion 1993. 1990 - 2000 Kuratorin im Museum Ludwig, Köln. Seit 2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Peter und Irene Ludwig Stiftung, Aachen. Autorin zahlreicher Aufsätze zur zeitgenössischen Kunst.